Picoco
Im Januar 2000 wurde Mosambik durch sintflutartige Regenfälle mehr Schaden zugefügt als in 16 Jahren Bürgerkrieg. Ein Gebiet, etwa doppelt so groß wie das Saarland, verwandelte sich in einen riesigen See, aus dem Bäume und hin und wieder Dächer ragten. Hunderttausenden von Menschen blieb nur die Flucht. Ein internationaler Hilfeschrei des Präsidenten bewirkte, dass in relativ kurzer Zeit Millionen an Geldern gespendet wurden, mit denen u.a. Flüchtlingslager errichtet werden konnten. Eines davon ist Picoco im Bezirk Boane in der Provinz Maputo, nur rund 40 km südlich der Hauptstadt gelegen, in Richtung Südafrika also, das unser erstes Projektdorf werden sollte.

„Hoya, hoya PICOCO“ 
Begrüßung 
Sabine verteilt Lutscher
Ungeduldig erwartete man die Delegation aus Deutschland. Bevor auch nur ein einziges offizielles Wort gesprochen wurde, waren zuerst Musik und Tanz angesagt; Sabine verteilt Lutscher.
Nicht zuletzt durch das Engagement der seinerzeit im Saarland lebenden Mosambikanerin Joaquina Siquice, wurde aus dem Notlager schließlich eine permanente Bleibe für ca. 500 obdachlose Familien. Ihre Mittel waren allerdings begrenzt und sie warb stets um Unterstützung. So kam ihr die Idee, u.a. mit Konzerteinnahmen den Aufbau Picocos weiter voranzutreiben, wie gerufen.
2007 fand das erfolgreiche Konzert statt und bereits 2008 besuchte eine kleine Abordnung des Projekt-Chores das Dorf Picoco. Man wollte sich vor Ort ein Bild machen, wie die Einnahmen – immerhin rund 10.000 € – am zweckmäßigsten eingesetzt werden könnten.
18. Juli 2008.
„Ich schlage die Augen unter meinem Moskitonetz auf, und der erste klare Gedanke, nachdem ich realisiert habe, wo ich überhaupt bin, ist: Picoco! Heute geht’s nach Picoco …“ Joaquinas Nichten Olinda und Balbina begleiten uns, außerdem Joaquinas Schwester Laura und der jüngste Spross der Familie: Siquice! Vor der Abfahrt wird noch schnell einmal unser musikalisches Mitbringsel geprobt: „Hoya, hoya Picoco“, mit Choreographie!
Zunächst geht es nach Boane, um der Bezirksbürgermeisterin olá zu sagen – die Dame zeigte allerdings nicht das geringste Interesse an uns oder dem Projekt. Wir hatten eher den Eindruck, dass wir störten – in ihrem klimatisierten Büro lief gerade Denver Clan. Ihr grünes Kostümchen und die hohen Stöckelabsätze waren auch nicht das ideale Outfit für den Besuch eines Flüchtlingsdorfes. Sie sollte uns doch begleiten!
„Wir nähern uns dem Dorfzentrum: einem schattigen Baum. Schon aus der Ferne ist Gesang und Geklatsche zu hören … Das ganze Dorf ist versammelt. Geduldig wartet man bereits seit Stunden unter dem Baum, auf der nackten Erde. Aus allen Himmelsrichtungen strömen Menschen herbei, um Mama Joaquina und ihre weißen Freunde zu begrüßen … Ich mische mich mit Sabine, Ulli und unserer afrikanischen Familie unter die Einwohner Picocos. Wer nicht tanzt, singt stattdessen und klatscht …!“
An diese unerwartete, etwa einstündige Party schloss sich ein offizieller Teil mit vielen Reden an – aufgrund der notwendigen Übersetzungen von einer Stammessprache in die andere und wieder vor und zurück ins Portugiesische und Deutsche eine etwas langwierige Angelegenheit. Aber bewundernswert, wie diszipliniert die Leute auf der Erde unterm Baum ausharrten und zuhörten.
„Zeit für etwas Abwechslung. Joaquina gibt mir das Startzeichen, und ich lasse meine Stimmer unter dem Baum erschallen: „Hoya hoya Picoco“, wie wir es einstudiert haben, der afrodeutsche Backgroundchor fällt mit „hoya hoya“ ein, die Choreographie: immer mit dem rechten Fuß beginnen, Hinterteil raus, super! Die Leute sind begeistert … Das scheint nun eher ihr Ding zu sein … jetzt sind sie außer Rand und Band und singen und tanzen einfach mit. Und da ist sie wieder, diese magische Wirkung der Musik, die Sache mit dem berühmten Funken, der überspringen soll … Die Musik baut eben Brücken. Jetzt erst sind wir richtig angekommen, es gibt nun ein Band zwischen den Einwohnern Picocos und uns. Immer wieder die hohen Freudenschreie der Afrikanerinnen. Die Menschen sind einfach gut drauf, vergessen ihre Armut, ihre Augen leuchten. Auch unsere Augen bekommen einen nassen Schimmer. Unser Licht für Afrika ist angekommen!“ (Auszüge aus: Christoph Goergen: „Piri Piri, Pata Pata, Picoco“, ELfA-Verlag, 2012)
Die Menschen waren zwar mittlerweile in gemauerten Unterkünften untergebracht, und eine improvisierte Grundschule gab es schon. Aber eine Krankenstation fehlte noch, wie eine Vertreterin des Bezirks Boane berichtete. Wenn man aber die Menschen fragte, was für sie am notwendigsten sei, sprachen sie einstimmig von energia, und meinten damit Strom!
Energia wollen die Leute also! Das sind doch mal konkrete und hilfreiche Angaben. Wir würden die Konzerteinnahmen in den Aufbau der Gemeinschaftsgebäude wie Grundschule und Krankenstation stecken und uns außerdem bemühen, die Stromversorgung im Dorf mithilfe von Photovoltaikanlagen beispielsweise bereitzustellen. Außerdem würden wir zuhause um Kleiderspenden bitten, und und und. Total motiviert kamen wir auf folgende verrückte Idee: Wäre es nicht toll, die Grundschule und die Krankenstation in gemeinsamer Arbeit mit den Bewohnern zu errichten? Wir würden für ein paar Wochen in Picoco in Zelten campieren und nicht immer nur mit Geld, sondern einfach mit unserer Hände Arbeit helfen.
Doch Joaquina überraschte uns bereits wenige Tage später mit der Nachricht, dass Picoco nun offiziell aus einem speziellen Fonds für die Opfer der Flutkatastrophe unterstützt würde. Das bedeutete, dass unser Einsatz eigentlich überflüssig sein würde und wir besser daran täten, uns nach einem Projektdorf umzuschauen, das unserer Hilfe nötiger hätte.

Besuch 2010 
FAHRRÄDER aus Deutschland
Dennoch haben wir Picoco und seine vielfältige, zusammengewürfelte Einwohnerschaft nicht vergessen und noch einige Male besucht. Wir kamen natürlich nie mit leeren Händen. 2010 beispielsweise hatten wir zig Fahrräder an Bord, die wir den Dorfbewohnern zur Verfügung stellen konnten, Fahrräder, die in Merzig auf dem Lehrerparkplatz der Christian-Kretzschmar-Schule gesammelt und für den Transport in einem Container zunächst auseinandermontiert wurden – Vorderrad und Rest wurden separat verladen –, um sie dann im Hof von Joaquinas Haus in Maputo wieder zusammenzubauen, auf den Pickup zu laden und nach Picoco zu karren. Ein anderes Mal hatten wir Schulmaterial für die Kinder im Gepäck.
[mehr lesen]

